Die Rollen-Theorie nach MEAD oder ME, (MY)SELF & I:

(Bei dieser kurzen Einführung handelt es sich um eine vereinfachte Darstellung der rollentheoretischen Grundlagen nach George Herbert Mead. Dieser Text wurde von mir im Rahmen des WIFI WIEN Trainerslams 2018 präsentiert. Für eine Vertiefung der Thematik finden Sie im Anschluss an die Einführung meine Literatur-Empfehlungen)

2007 stellte der Philosoph Richard David Precht die alles entscheidende Frage: „Wer bin ich und wenn ja, wieviele?“ Um diese Frage für sich zu klären, nahm sich Precht damals 400 Seiten Zeit – mir hat man dafür heute 7 Minuten gegeben…

 

…und damit willkommen in der Welt von Me, Myself and I. Nach George Herbert Mead, einem der Vertreter der sozialen Rollentheorie, gestalten wir unser gesamtes Leben in vielen verschiedenen Rollen. Das Wort „Rolle“ wird ja häufig mit vorspielen und Täuschung in Verbindung gebracht. Vielleicht haben sich ja einige von Ihnen auch schon mal gedacht: "Stimmt doch gar nicht, ich spiele doch keine Rollen, ich bin authentisch, ich bin echt!" Und da haben Sie auch absolut Recht. Weil Sie spielen keine sozialen Rollen. Sie tun nicht so als ob, Sie tun es – ganz einfach! Nehmen wir ein Beispiel aus der Arbeitswelt: Stellen Sie sich vor, sie haben den Traumjob Kokosnuss-Sicherheitsbeauftragter. Ja, den gibt es wirklich. So ein Job wäre, so das Verständnis der Rollen-Theoretiker, bereits eine soziale Rolle. In dieser Rolle erfüllen Sie die Aufgabe und zwar die Touristen vor herunterfallenden Kokosnüssen zu schützen. Würden Sie jetzt diese Rolle nur vorspielen, also nur so tun als ob, hätten die Touristen ein kleines Problem.

So eine soziale Rolle, wie eben Kokosnuss-Sicherheitsbeauftragter oder Vater, Mutter, Kind, bezeichnet Mead als ME. Im ME sind wir immer dann, wenn wir mit anderen in Interaktion treten und Erwartungen an uns gestellt werden. Jetzt sind wir natürlich nicht immer eine soziale Rolle sondern wir sind auch mal wir selbst. Dann wären wir MYSELF. Darunter versteht Mead unsere Identität. Die Basis unserer Identität bildet das I. Also das Ich oder unser Individualität. Hier befinden sich unsere subjektiven Werte & Normen, unsere biologischen Triebe sowie Kreativität und Spontanität. Sowohl I als auch ME wirken auf unser SELF. Passen die sozialen Rollen, die wir mehr oder weniger freiwillig übernehmen, zu unseren individuellen Werten und Normen, dürfen wir uns über eine ausgeglichene Identität freuen.

 

Schauen wir uns die Theorie gleich mal in der Praxis an: Wie bereits erwähnt, übernehmen wir eine soziale Rolle, sobald wir in Interaktion treten. Nachdem Sie und ich das gerade tun - im Moment eher virtuell, aber gehen wir einfach mal davon aus, wir würden uns gegenüberstehen: Dann wäre ich in diesem Moment ich (also I), ich selbst (MYSELF) und eineine soziela Rolle (ME) und Sie wären ebenfalls Sie (I), Sie selbst (MYSELF) und auch eine soziale Rolle (ME). Damit unsere Interaktion nun erfolgreich ist, hilft es zu wissen, mit wem wir es zu tun haben. Daher stellt sich für mein ME in diesem Moment die Frage: Wer ist mein Interaktions-Partner. Also - Wer sind Sie? In unserer Situation muss ich Ihnen die Antwort vorne weg nehmen und einfach mal behaupten, Sie wären in diesem Moment der / die LeserIn meines Artikels. In dieser sozialen Rolle als "LeserIn" erfüllen Sie die Aufgabe zu lesen.

 

Nachdem ich nun weiß, mit wem ich in Interaktion trete, stellt sich für mich gleich die nächste Frage: Wenn Sie Sie sind, wer bin dann ich?

 

Im Rollen-Training wird damit begonnen, die Rolle, an der gearbeitet werden soll, zu analysieren. Das heißt: mit wem befindet sich die Rolle in Interaktion und welche Erwartungen werden an die Rolle gestellt. Und genau diese Erwartungen sind der Unsicherheits-Faktor, der uns als Rolle gerne mal ins Straucheln bringt. Weil wann können wir uns 100%ig sicher sein, dass wir tatsächlich wissen, was die anderen von uns erwarten? In den meisten Fällen raten wir einfach drauf los. Für meine aktuelle Situation würde die Analyse wie folgt ausfallen:

  1. Ich gehe davon aus, dass ich Sie in Ihrer aktuellen Gegen-Rolle als "LeserIn" bezeichnet kann und Sie brav Ihre Aufgabe erfüllen, meinen Artikel zu lesen.
  2. Über Ihre Erwartungen kann ich nur spekulieren: Da ich meinen Artikel unter die Überschrift "Was ist die Rollen-Theorie" gesetzt habe, kann ich davon ausgehen, dass Sie in diesem Artikel Informationen erwarten, die Ihnen Aufschluss darüber geben, was die Rollen-Theorie nach Mead ist.
  3. Ob es sich bei Ihren Erwartungen tatsächlich um die von mir vermuteten Erwartungen handelt und ob ich diese auch tatsächlich erfüllen kann, zeigt sich meistens erst, wenn Erwartungen enttäuscht werden und wir mit Kritik, Beschimpfung oder gar Shit-Storms konfrontiert werden.

Wenn also nach den Interaktions-Partnern auch die möglichen Erwartungen geklärt sind, steht einer erfolgreichen Rollen-Arbeit nichts mehr im Weg. Und dafür hält die Theorie der sozialen Rollen eine ganz große Erleichterung für uns bereit: Ganz egal, wie oft wir in MEs stolpern und mit neuen MEs falsch abbiegen, es ist nicht schlimm. Denn es sind nicht wir, nicht unser I und unser MYSELF, die stolpern oder falsch abbiegen. Es sind unsere MEs. Wir sind großartig wie wir sind - und an den MEs können wir arbeiten. Daher: stellen Sie sich nie selbst in Frage und falls doch, geben Sie sich die alles entscheidende Antwort: Ich bin ich und ja, so viele! (c) Karin Krawczynski, 2018

Literaturempfehlungen zur Vertiefung der Rollen-Theorie

Grundlagen der praktischen Rollen-Arbeit (Schauspiel):

  • Stanislawski, K. S. (2002). Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle (4. Auflage). Berlin: Henschel Verlag.
  • Adler, S. (2014). Die Schule der Schauspielkunst – The Art of Acting 22 Lektionen (4. Auflage). Hrsg. Leipzig: Henschel Verlag.
  • Cechov, M. (2013). Lektionen für den professionellen Schauspieler. Berlin: Alexander Verlag.
  • Strasberg, L. (2014). Schauspielen und das Training des Schauspielers – Beiträge zur „Method“ (9. Auflage), Hrsg. Wolfgang Wermelskirch, Berlin: Alexander Verlag.

Grundlagen der theoretischen Rollen-Arbeit (Soziologie, Psychologie):

  • Mead, G.H. (1987). Gesammelte Aufsätze Band 1, Hrsg. Hans Joas, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • Goffman, E. (2016). Wir alle spielen Theater – die Selbstdarstellung im Alltag (16. Auflage). München/Berlin: Piper Verlag GmbH.
  • Heuring, M. & Petzold, H. G. (2005). Rollentheorien, Rollenkonflikte, Identität, Attributionen, Düsseldorf / Amsterdam, verfügbar unter: www.FPI-Publikationen.de/materialien.htm in SUPERVISION: Theorie–Praxis–Forschung. Eine interdisziplinäre Internet-Zeitschrift–12.
  • Hutter, C. (2012). J.L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen (2. Auflage), Hrsg. Helmut Schwehm, Wiesbaden: Springer / VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Schreyögg, A. (1991). Supervision – ein integratives Modell. Paderborn: Junfermann Verlag.
  • Weißhaupt, M. (2008). Rolle und Identität – Grundlagen der Rollentheorie. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller.
  • Precht, R.D. (2007). Wer bin ich - und wenn ja wieviele? München: Wilhelm Goldmann Verlag.